Vechta – eine Stadt mit
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An der wichtigen Handels­straße von Westfalen nach Bremen gelegen, entwickelte sich Vechta seit dem 12. Jahrhundert im Schutze einer Burg der Grafen von Calvelage-Vechta-Ravensberg. Die Stadt kam 1252 durch Verkauf an das Bistum Münster. In der münster­ischen Fehde 1538 zerstört wurde sie 1666 durch Anlage einer fünf­eckigen Zitadelle zur Festungsstadt.


Um 1530 waren Vechta und das gesamte Niederstift Münster, der nördliche Bereich des Fürst­bis­tums Münster, weit­gehend pro­testantisch geworden. Versuche einer Gegenreformation durch die 1613 angesiedelten Jesuiten scheiterten in einem ersten Anlauf.

Vechta, Franziskanerkirche, Außenansicht
Die Gegenreformation
im Niederstift Münster
und die Franziskaner

Hier konnte Ferdinand von Bayern, seit 1612 Kur­fürst und Erz­bischof von Köln, auch Bischof von Müns­ter, über­haupt erst ein­mal die Be­kehr­ung der mehr­heitlich luther­isch ge­sin­nten Be­völker­ung zum Ka­tholi­zis­mus ver­su­chen. Da­bei waren re­li­giöse und po­liti­sche Mo­tiva­tion kaum von­ein­ander zu tren­nen, drohte aus Sicht des Fürst­bischofs ein pro­testan­tisch­es Nieder­stift doch auf Dau­er un­ter den Ein­fluss be­nach­bar­ter nicht­katholischer Mächte zu geraten.

Neben dem Ge­bot regel­mäßiger Vi­si­ta­tionen, mit de­nen die Wirk­sam­keit der tri­den­tini­schen An­ord­nung­en über­prüft wur­de, be­günstig­te der Erz­bischof auf alle Wei­se die Nieder­las­sung re­li­giös­er Ge­nos­sen­schaft­en. Mit sei­ner Un­ter­stütz­ung kon­nten die Je­suit­en ei­ne Rei­he von Nieder­las­sung­en in den Diöze­sen Köln, Mün­ster, Hildes­heim und Pa­der­born grün­den. Nach Mün­ster be­rief er 1612 die Ka­pu­ziner und 1613 die Fran­zis­ka­ner. 1642 ließen sich Fran­zis­ka­ner aus Rheine in Vech­ta nie­der. Die Pa­tres bil­de­ten in den fol­gen­den an­dert­halb Jahr­hun­der­ten eine wichti­ge Stütze der Seel­sorge in den Ämtern Vechta und Clop­pen­burg, die so zum Ka­tholi­zis­mus zu­rück­ge­führt wurden. Ihre Kloster­schule, eine La­tein­schule für Jungen, sollte als Bil­dungs­stät­te für einen im rechten Glau­ben ge­festig­ten Nach­wuchs dienen. 1719 zur höher­en Schu­le er­wei­tert, lebt die Schul­tra­di­tion im heutigen Gym­na­sium Antonianum fort.

Vechta, Franziskanerkirche, Innenraum um 1980
Löningen, Orgel aus der Franziskanerkirche Vechta
Zwillbrock, Franziskanerkirche, Blick nach Osten
Die Franziskanerkirche in Vechta – Neubau und Ausstattung

Wenn auch die Wirt­schafts­kraft des Nieder­stiftes Mün­ster und da­mit auch der Stadt Vech­ta im 17. und 18. Jahr­hun­dert beschei­den blieb, so ström­te doch in der Zeit des Bischofs Clemens August von Bayern (+1762) das ba­rocke Stil­empfin­den auch in die kirch­liche Kunst dieses Rand­ge­biet seiner Herr­schaft ein und lieferte dort die Aus­drucks­mit­tel, mit de­ren Hilfe die ka­tholi­sche Fröm­migkeit dar­ge­stellt und an­ge­regt wurde. Viele Kirchen wur­den re­no­viert und ver­größert, vor allem aber so aus­gestat­tet, wie es dem tri­denti­ni­schen Ri­tus ent­sprach.

Auch die Kirche des Fran­zis­kaner­klosters in Vech­ta wurde von 1727 bis 1731 neu er­richtet, ver­mut­lich von dem Archi­tekten Lambert Friedrich von Corfey aus Mün­ster (1668 – 1733), als des­sen be­deu­tend­stes Werk die dor­tige Do­mi­ni­ka­ner­kirche gilt.

Die aus ro­ten Ziegeln er­bau­te fünf­jochige Wand­pfeiler­kirche mit Dach­reiter, Rund­bogen­fenstern und ein­ge­zogen­em poly­go­nalem Chor zeigt in ihrem Auf­bau un­mittel­bare Ver­wandt­schaft zu der eben­falls von Corfey stam­men­den St. Andreas­kirche in Cloppen­burg, ist aller­dings in ihren Maß­ver­hält­nissen steiler. Be­merkens­wert ist die West­fassade mit flach­em Mittel­risalit und ge­schwungen­er Giebel­be­krön­ung, die in ihrem Auf­bau und in ihrer zart­en Flächen­ab­stuf­ung Ge­staltungs­prin­zipien des be­deutenden west­fälischen Archi­tekten Johann Conrad Schlaun vor­aussetzt.

Der Raum besaß wie ver­gleich­bare Ordens­kirchen des 18. Jahr­hunderts (bei­spiels­weise St. Franziskus in Zwill­brock, Stadt Vreden) eine reiche Ba­rock­aus­stattung, die aller­dings nach der Auf­hebung des Klosters im Febru­ar 1812 in andere Kirchen der Re­gion trans­loziert wor­den ist: die Orgel und die Kanzel nach Löningen, der südliche Seiten­altar nach Benstrup, der nördliche in die Propstei­kirche Vechta, das Chor­gestühl nach Lohne.

Vechta, neue Orgel 2016
Die





nach Ende des
 Franziskanerklosters 
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Mit Auf­hebung des Klosters be­kam die leer­ge­räumte Kirche eine neue Auf­gabe: sie wur­de von der neu­en Obrig­keit im Groß­herzog­tum Olden­burg zur Kirche des Ge­fängnis­ses be­stim­mt, das in das um­ge­baute Kloster ein­zog. Dank des Ein­satzes der evangeli­schen Ge­mein­de blieb die zum Ab­bruch be­stim­mte Kloster­kirche er­halten. Sie wur­de 1818 zur simul­tanen Nutz­ung durch die Straf­ge­fangen­en und die bei­den Konfes­sion­en be­stimmt, ihr Chor durch eine Trenn­wand mit Zwischen­boden vom Lang­haus ab­ge­sondert. Teil dieser Maß­nahme war auch die Ver­mauer­ung der nach Norden und Osten offen­en Chor­fenster. Die Maß­werk­fenster im Lang­haus stammen von einer neog­oti­schen Um­ge­staltung in der zwei­ten Hälfte des 19. Jahr­hunderts.

Den heutigen Raum, der neben seiner aktu­ellen Funktion als Kirche der Justiz­voll­zugs­anstalt für Frauen und im Rahmen des fort­be­stehen­den Simul­taneums vor allem der evange­li­schen Kirchen­ge­meinde Vech­ta als Ge­meinde­kirche dient, prägt aber die In­stand­setzung, die 1957 mit dem Ab­bruch der Trenn­wand im Chor be­gon­nen wur­de. Für die Lan­des­denk­mal­pflege war es das Ziel, den Raum in seiner ur­sprüng­lichen Form wieder­her­zu­stel­len und im ur­sprüng­lichen Sinne neu aus­zu­stat­ten.

Vechta, Altar mit Ergänzungen 2016
Ein neuer Altar für Vechta

Für den 1960 im Chor er­richteten großen Altar dienten Teile eines 1724 von August Wilhelm, Herzog von Braun­schweig-Wolfen­büttel, ge­stifteten Re­ta­bels, das ur­sprüng­lich zur ba­rocken Aus­stattung der ehe­maligen Zister­zienser­kloster­kirche in Amelungs­born (Land­kreis Holz­minden) ge­hörte. Der im Laufe des 19. Jahr­hunderts ab­ge­brochene Altar „war ein über dem stei­nernen Altar­tische noch etwa 30 Fuß hoher, hölzerner Barock­aufbau, mit korinth­ischen Säulen, figür­lichen und orna­mentalen Schnitz­werk von künstler­ischer Feinheit.

Im Aufsatz Widmungs­tafel in reichem Ranken­werke: Deo Triuno, zu oberst ein auf­erstehen­der Christus. Die große Mittel­fläche zwischen den Säulen war mit einer Kreuzigung – Öl auf Lein­wand gefüllt: rechts der Ge­kreuzigte, links die händer­ingende Maria, von Johannes dem Kreuze zugeführt. Eben­falls ein Öl­gemälde schmückte den Sockel der Mitte: Die Ein­setzung des Abend­mahles. Beide Bilder hand­werks­mäßig in den großen Formen ihrer Zeit. Seit­lich zwei ge­schnitzte Evangelisten­figuren jederseits.“ (Karl Steinacker (Bearb.): Die Bau- und Kunst­denkmäler des Kreises Holz­minden. Wolfen­büttel 1907, S. 133).

Das Amelungs­borner Altar­retabel gehört zu einem Typus, der um 1700 am Nord­rand des Harzes, zwischen Hildes­heim, Halber­stadt und Quedlin­burg, ent­stan­den ist. Aus dem Formen­schatz, dessen Ur­sprung letzt­lich in Italien zu suchen ist, wurde ein spe­zif­ischer archi­tektoni­scher Auf­bau ent­wickelt: auf hohem Sockel­ge­schoß auf­bauend zwei Ge­schos­se mit großen Stand­fi­guren zwi­schen ge­dreh­ten Säulen, weiter­em rei­chen Figuren­schmuck und Um­gangs­türen in seit­lich an­schließen­den Scher­wänden.

Es stammt ohne Zweifel aus der Werk­statt des Hildes­heimer Bild­schnitzers Ernst Dietrich Bartels (1679-1762), dessen ver­schiede­ne Kanzel­altäre, die sich im Hildes­heimer Um­land er­halten ha­ben, so in Ilten (nach 1724), Betheln (1734) und Sibbesse (1737), ähn­liche Um­risse, Glieder­ungen und Orna­mentik aus Akanthus und Band­werk zeigen. Von dem figur­alen Reich­tum dieser Re­tabel aus­gehend (bei­spiels­weise 30 Figuren in Betheln), lassen sich die gra­vieren­den Ver­luste des Altar­retabels in Vech­ta er­ahnen. Seine Wir­kung ist im Unter­schied zu diesen reich aus­ge­stat­teten und fast ver­spielt wirk­enden eher streng, da es weit­ge­hend auf die Arch­itek­tur zurück­genom­men ist. Ur­sprüng­lich holz­sichtig und nur mit einem pig­men­tier­ten Leim über­zogen, wur­de der Altar für Vechta mar­moriert, um „seine volle Wirkung im sakralen Raum zu erzielen“ (Lan­des­kon­servator Prof. Karpa).

Vechta, Altar mit Ergänzungen 2016
Die Kanzel –
ein barockes Kunstwerk
aus Ostfriesland

Bei der Neu­aus­stat­tung der ehem. Franzis­kaner­kirche wur­de an­fangs auf der Nord­sei­te vor dem Chor ein schlich­tes, ku­bisch ver­klei­detes Lese­pult in der For­men­sprache der Fünf­ziger Jahre er­richtet, das aber nach der Auf­stel­lung des Al­tares den An­sprüch­en nicht mehr ge­nüg­te. Schließ­lich kam 1963 ein im Kunst­han­del er­wor­ben­er ba­rock­er Kan­zel­korb zur Auf­stel­lung, der von Res­tau­rator Joseph Boh­land aus Hil­des­heim auf­wändig

ge­fasst wurde. Aus der Werk­statt des Bild­hauers Jacob Kröpelin in Esens (Ost­fries­land) stammend und ur­sprüng­lich holz­sichtig kon­zi­piert, zeigt der Kanzel­korb un­mittel­bare Be­zieh­ung­en zu an­deren Wer­ken des Mei­sters, ins­be­son­dere zu der um 1660 ent­stan­denen Kan­zel in Dornum (Ost­fries­land). Über­legung­en, die Sprech­akus­tik durch einen Kanzel­deckel im Barock­stil zu ver­bes­sern, kon­nten wegen fehlen­der Mittel nicht realisiert werden.

Vechta, Kanzel 2016
Aktuelle Instandsetzungsmaßnahmen

Nach einer intensiven Vor­be­rei­tungs­phase erfolgte seit 2010 eine Gesamt­instand­setzung des Innen­raumes der Kirche. Dabei wur­den unter anderem zwei ver­mauerte Chor­fenster ge­öffnet und mit dem dritten neu ver­glast, der Innen­an­strich er­neuert, neue Wand­leuchten instal­liert. Die Bänke wurden, wie bei ihrer Auf­stellung Ende der Fünf­ziger Jahre, in einem dunk­len Holz­ton ge­fasst. Ein für die Ge­meinde wichtiges Ereignis war die Er­rich­tung der neuen großen Or­gel auf der West­empore durch die Mar­burger Orgel­bau­firma Woehl, die mit mo­der­nen Mitteln eine Inter­preta­tion der ur­sprüng­lich in der Kloster­kirche existenten spät­barocken Orgel dar­stellt.

Am Altar fanden Er­gänzung­en und Kor­rekturen statt: Nach­bil­dung der nahe­zu lebens­großen Skulp­tur des Evan­gelis­ten Matthäus nach dem Vor­bild einer ent­sprechen­den Figur an dem Hoch­altar in der kath. Pfarr­kirche in Alger­missen, einem Werk des oben ge­nan­nten Bild­schnitzers Ernst Dietrich Bartels. Diese und das neue Altar­bild „Das leere Grab“ für das Ober­ge­schoss schuf Diplom­restau­rator Uwe Pleninger aus Han­nover. Der dort stehende auf­erstandene Christus wurde altar­be­krö­nend auf­ge­stellt. Die vier Evan­gelis­ten er­hiel­ten je­weils seit­lich in Haupt- und Ober­ge­schoß ihren Platz.

Weitere
Maßnahmen

Zur Vollendung der In­stand­set­zung des Kir­chen­raumes und sei­ner Aus­stat­tung waren nur noch we­nige Schrit­te not­wen­dig. Sie wur­den 2017 durch die Wenger-Stiftung für Denk­mal­pflege ge­för­dert, die damit die ver­dienst­vol­len Be­mühungen des Förder­ve­reins Kloster­kir­che Vech­ta e.V. unterstützte:

1 Anbindung des Altares an die seit­lich­en Chor­wände durch zwei Durch­gänge, so wie sie bei evan­geli­schen Altären als Ort der Abend­mahls­feiern seit dem 16. Jahr­hundert, so auch bei denen aus der Hildes­heimer Bartels-Werkstatt stam­men­den, üb­lich waren. Die Kom­muni­kanten durch­schrit­ten nach dem Empfang des Bro­tes den linken Bo­gen, leg­ten auf der Rück­seite ihre Gabe in den dort auf­gestel­lten Spen­den­kasten und kamen durch den rechten zum Em­pfang des Kel­ches. Gleich­zeitig wird der Altar durch die flank­ieren­den Bogen­ele­mente aus seiner mo­nu­menta­len Ver­ein­zelung ge­nom­men und in seiner Wirkung deut­licher in die Archi­tektur des barocken Ge­samt­raumes ein­gegliedert.

2 Ergänzung und Res­tau­rierung der Kan­zel, die seit ihrer Auf­stel­lung 1963 nur aus dem stark über­ar­beiteten barocken Kan­zel­korb be­steht. Dieser wurde Ver­gleichs­bei­spielen aus der Kröpelin-Werkstatt (Dor­num, Marien­hafe) ent­sprech­end kom­plet­tiert – durch Höher­setzen mit einem neu ge­schaf­fenen un­teren Ab­schluss, einen neuen Treppen­auf­gang und einen Kan­zel­deckel. Die Fassung wurde über­arbeitet.

3 Ein ab­schließen­des Ziel ist die Wieder­auf­stel­lung des letzten er­hal­tenen Sei­ten­altares der ehe­maligen Kloster­kirche, eines Elisabeth­altars, der der­zeit an anderer Stelle de­po­niert und in seiner Sub­stanz stark ge­fähr­det ist. Hier­über muss noch ent­schieden werden.

Literatur

1  Heinrich Höpken Zur Geschichte der evangelischen Kirche in Vechta.  In:  Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta, Band II. Vechta 1974, S. 467ff.

2  August Vornhusen Die Franziskaner in Vechta.  In:  Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta, Band III/1. Vechta 1974, S. 5-44.

3  Kurt Reinemann Auf den Spuren der Franziskaner – Eine Untersuchnug zur Vorgeschichte.  In:  Iuventuti instituendae. Festschrift zur 275-Jahrfeier des Gymnasiums Antonianum Vechta. Vechta 1989, S. 24-30.

4  Josef Dolle u.a.:  Niedersächsisches Klosterbuch. Verzeichnis der Klöster, Stifte, Kommenden und Beginenhäuser in Niedersachsen und Bremen von den Anfängen bis 1810, Teil 3: Marienthal bis Zeven. Bielefeld 2012, S. 1418-1421.

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